Bella Italia

Italien Lkw

Kürzlich veröffentlichte ich hier im truckerblog einen Artikel über Lkw-Navigationsgeräte. Dabei fiel mir eine Geschichte ein, an die ich oft zurückdenke. Zu meinen Anfangszeiten als Lkw-Fahrerin gab es noch keine Navis und keine Handys. Es gab Kartenmaterial, fertig. Eine meiner Touren führte mich nach Italien, genauer: nach Bologna, eine Universitätsstadt, die als Heimat der Spezialitäten Mortadella und Tortellini gilt. Bologna ist die Hauptstadt der norditalienischen Region Emilia-Romagna und geprägt von der üblichen Hektik einer Großstadt.

Bologna, Italien
Bologna – eine historische Stadt in Norditalien

Wer sucht, der findet – oder auch nicht

Ich kutschierte durch die Schweiz, vorbei an Luzern, Göschenen bis Chiasso. Weiter über Mailand, Piacenza, Parma bis nach Bologna. An der letzten Raststätte vor Bologna kaufte ich einen Stadtplan. Es war neblig an jenem Tag. Und wer einmal in dichtem Nebel eine Straße suchte, ahnt es. Ich verfuhr mich. Wieder und wieder. Ich fand viel, ich sah nichts und vor allem tauchte diese Firma, die auf ihre Plastikrohre wartete, nicht vor mir auf. Die Karte schien von irgendeiner Stadt dieser Welt zu sein, ich kam mit diesem bedruckten Stück Papier nicht weiter.

Trotz guter Fähigkeiten im Kartenlesen fand ich mein Transportziel nicht. Entweder tauchten Einbahnstraßen im Nebel vor mir auf oder komplett gesperrte Straßen. Ich fuhr rückwärts, ich fuhr vorwärts, ich fuhr mal hierhin, mal dorthin. Auch die Bewohner des Städtchens, die ich verzweifelt fragte, schüttelten nur bedauernd den Kopf – so beschwörend ich ihnen meine Frachtpapiere vor die Nase hielt.

Das Problem einer solchen Situation? Man ist alleine. Und man kann nur alleine aus der Situation herauskommen. Niemand kann einem hier helfen. Toben, kreischen, Dinge-auf-die-Erde-schmeißen, nichts hilft. Die Situation bleibt. Man muss sich selbst helfen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit des “Stocherns im Nebel” sah ich ein Taxi am Wegesrand stehen. Wunderbar! Ich hielt an, stieg aus und raste mit meinen Frachtpapieren zum Taxifahrer, die ich ihm eifrig durch sein Fenster reichte. Ich tippte auf die Lieferadresse und wartete ungeduldig, bis der Taxifahrer umständlich seine Brille auf die Nase packte. Er las. Er studierte. Er überlegte. Mit einem tiefen Seufzer reichte er mir meine Frachtpapiere zurück und schien weiter zu überlegen, gefolgt von einem bedächtigen Nicken. Geschafft. Ich war nicht mehr alleine.

taxi Italien

Was hat die Währung mit einer Taxifahrt zu tun?

Damals gab es noch keinen Euro, die gute, alte D-Mark war unser Zahlungsmittel in Deutschland und die schöne Lira wurde in Italien als Zahlungsmittel eingesetzt. Ich hatte nur noch ein paar Liras in der Tasche, dafür genug D-Mark. Der Taxifahrer jubelte nicht aus Begeisterung ob meines Vorschlages, er solle voraus fahren und ich folge. Doch er rückte seine Brille gerade und leierte irgendwas auf italienisch herunter. Ich nickte brav, obwohl ich kein Wort verstand. Er verstummte, griff in seine Tasche und zog einen zerknitterten Liraschein heraus. Er zeigte ihn mir und machte mir klar, dass er nur Lira akzeptieren würde. “No marco tedesco” – “No-Dutch-Mark” “COMPRESO”?

Na klar, ich nickte und zog meinerseits meine paar italienischen Groschen raus, um ihm zu beweisen, dass ich ihn in seiner Währung bezahlen kann. Um ehrlich zu sein – mein Bestreben konzentrierte sich ausschließlich darauf, diese Firma zu finden. Mit D-Mark, mit Dutch-Mark, mit Lira oder auch ohne – in diesem Moment war es mir völlig egal.

Wir fuhren los und erreichten schon bald einen Feldweg. Mir wurde mulmig. Aber ich fuhr hinterher. Nach rund zwei Kilometer Feldweg eröffnete ich ein kleines Industriegebiet vor mir, samt der heiß ersehnten Plastikrohr-Firma! Ich hatte es geschafft. Im Nachhinein erfuhr ich, dass der offizielle Anfahrtsweg durch Bauarbeiten gesperrt war. Aha. Läuft bei mir. Ich war an meinem Ziel.

Heißes, italienisches Temperament

Mit dem Geldbeutel in der Hand ging ich zu meinem Retter. Vor seinen Augen kramte ich beflissen und hektisch in der Geldbörse herum. Er fixierte mich. Seine Augenbrauen zogen sich bedenklich zusammen. Sein Körper versteifte sich. Seine Hände umklammerten das Lenkrad, ich sah aus den Augenwinkeln, wie sich die Muskeln seines Unterarms spannten. “20.000” presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. “20.000. LIRA! NO MARCO TEDESCO -No, No, NO”! Mit jeder Silbe schwoll seine Stimmgewalt an.

Italienisches temperament

Mein Bedauern war unendlich. Ich schaute ihn an. Versuchte, mit den Wimpern zu klimpern. Kein Erfolg. Ich lächelte ihm zaghaft zu. No Chance. Ich setzte zu Erklärungen an, kam aber nicht weit. Mit einer Schnelligkeit, die ich ihm niemals zugetraut hätte, riss er seine Fahrertür soweit auf, dass ich dachte, die fliegt aus ihren Angeln. Er baute sich bedrohlich vor mir auf. Ich wich rückwärts aus. Er blieb dran am Feind. Dumm nur, dass ich der Feind war, denn sein Gardemaß betrug locker 1, 85 Meter und seine Leibesfülle bescheinigte ihm definitiv genug Schwung, um alles (mich) plattzumachen, was nicht spurt. Seine Augenbrauen trafen jetzt über der Nasenwurzel zusammen, sein Gesicht bestand aus Zornesfalten.

Sein Mund öffnete sich und was heraus kam, war so ohrenbetäubend, dass mir die Flucht als einziger Ausweg sinnvoll erschien. Wütende, italienische Sätze prasselten auf mich nieder wie Peitschenhiebe. Er verfolgte mich. Ich wurde schneller. Er auch. Und alles untermalt mit allem, was der italienische Fluchwortschatz so hergibt. So vermute ich. Mittlerweile beobachteten die Platzmitarbeiter “meiner” Abladefirma die Situation aus sicherer Entfernung. Möglichst würdevoll – aber schnell – durchschritt ich die Tore des Unternehmens, wähnte mich in Sicherheit. Weit gefehlt. Der italienische Koloss schreckte nicht davor zurück, tobend und schnaubend hinter mir her zu trampeln.

Gabriela – ein Engel

Als ich die Eingangstüre zum Bürogebäude erreichte, nahte meine Rettung. Sie hieß Gabriela und sie sprach deutsch. Welch Segen. Ich versuchte, ihr die Situation zu erklären, dass ich leider nur D-Mark habe, der Taxifahrer aber seine Landeswährung wollte (zu recht, das gebe ich gerne zu…). Sie winkte ab, ging in ein kleines Büro beim Empfang und kam mit den gewünschten Liras wieder raus.

Noch nie sah ich, wie schnell in einem Gesicht die Sonne aufgehen kann. Der Taxifahrer – eben noch der personifizierte Zorn und im nächsten Moment ein freundliches Kerlchen, den doch nichts aus der Fassung bringen kann! Ich glotzte ihn an. So eine rasante Wandlung der Emotionen! Der Taxifahrer schüttelte Gabriela überschwänglich die Hand, bevor er sich mir zuwandte und mir ebenfalls mit einem herzlichen Lächeln seine ausgestreckte Hand hinhielt.   Es ist selten, dass ich sprachlos bin – aber in diesem Moment war ich es vollkommen. Ich danke Ihnen bis zum heutigen Tag, Gabriela!

Italien wieder idyllisch
Italien – Temperament und Herzlichkeit
Martina

Martina

Hier blogge ich aus meinem einstigen Alltag. Auf meinem truckerblog nehme ich Dich mit auf die Reise, stelle Dir tolle Produkte vor und biete einige Tipps aus meinem langjährigen Erfahrungsschatz.
Martina

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