Ich nehme mir das Leben.

Truckerblog

Ja. Ich nehme mir das Leben. Ein Leben, wie ich es mir vorzustellen vermag. Ohne die Einsamkeit, die der Berufsalltag eines Kraftfahrers in sich birgt. Ohne all die verächtlichen Blicke, die einen beim überholt-werden treffen, schließlich ist man nur ein Störfaktor. Ohne die verzweifelte Hoffnung auf eine baldige Auflösung eines Staus, wenn die Blase drückt. Ohne dies und ohne das. Abschied vom Alltag einer Lkw-Fahrerin. 

Stattdessen: Ein geregelter Alltag. Sauberkeit. Keine breitbeinig aufgebauten Typen, die direkt neben einer Toilette lieber an den Busch oder einen Reifen pinkeln. Ohne Reisebusfahrer, die Horden von schwatzenden Menschen lieber an der Tankanlage rauslassen, anstatt fünf Meter weiter zu fahren, um die Reisegäste am Restaurant rauszulassen. Ohne das eiskalte Wasser, welches mir als zahlendem Kunde an der Raststättentoilette zum Händewaschen zur Verfügung gestellt wird. Herzlichen Dank auch! Ohne all das. Das ist kein Leben – zumindest für mich nicht. Doch nun beginnt es, das Leben, das ich mir einfach nehme.

Sieben Monate

Die letzten sieben Monate verbrachte ich wider Erwarten in einem Lkw. Bestimmte Umstände – auf die ich nicht näher eingehen möchte – brachten mich dazu. Und das, obwohl ich mir einst schwor: NIE wieder! NIE wieder werde ich Lkw fahren. Ich habe ganz Europa bereist. Ich war in Afrika. Es war eine tolle Zeit, aber es war damals auch eine andere Zeit. Und schwupps – schneller als ich Piep sagen konnte, ging es wieder los mit der Fahrerei. Nein, ich beschwere mich nicht über den Termindruck, den ich nicht hatte.

Ich beschwere mich eigentlich überhaupt nicht – aber: das Ansehen, das Lkw-Fahrer “genießen” dürfen, ist einfach unter aller Sau. Und daran sind leider viele meiner Ex-Kollegen auch teilweise selbst schuld. Nicht jeder Fernfahrer hält viel von körperlicher Hygiene. Nicht jeder Fahrer weiß ganz genau, was eine Zahnbürste ist und wie man sie benutzt. Nicht jeder Ex-Kollege kennt die einfachsten Formen der Höflichkeit – auch im Straßenverkehr.

Doch auch wenn man frisch geduscht, gekämmt und ordentlich angezogen zu seiner Ladestelle kommt, ist es meist spätestens dann mit der Freundlichkeit vorbei, wenn man sich als Lkw-Fahrer zu erkennen gibt. Warum? Lkw-Fahrer sind doch auch Menschen? Die einen Beruf ausüben, der immer mehr in den Dreck gezogen wird. Auch von den Medien – gerade von denen, dazu später mehr.

Fahrer oder Trottel?

Wo ist sie, die allseits propagierte Menschlichkeit? Gilt die nicht für den osteuropäischen Fahrer, nur weil der sich vielleicht verfahren hat? Anstatt seinen Hintern auch mal aus einem Pkw zu schieben und zu fragen, ob der ortsunkundige Fahrer vielleicht Hilfe benötigt, wird lieber gehupt und geschimpft. Sauber.

Aber auch hier – die Kollegen untereinander. Vielleicht hätte ich einfach mal die Funkgespräche auf Kanal 9 aufnehmen sollen. Was da teilweise gesprochen wird, ist unterste Schiene. Oft reicht ein Dialekt, um beleidigt zu werden. Kollege X erkundigt sich in seinem heimatlichen Dialekt über Funk, wie lange der Stau wohl gehen mag. Das kann schon reichen, um ihn zu beleidigen. Schließlich ist er – je nach Dialekt – dumm, ein dämlicher Ossi, ein prolliger Bayer und so weiter und so fort. Einen Anlass? Nein, den brauchen die Kollegen wirklich nicht. Es hat schon seinen Grund, warum kaum ein ausländischer Fahrer über Funk eine Frage stellt. Erst kürzlich habe ich folgende Worte gehört:

Kollege, hörbar Osteuropäer: “Kann einer Kollegen sagen, ob Autobahn 6 Mannheim frei?”

Antwort deutscher “Kollege”: ” Du bist kein Kollege, Du bist nen Kanacke, verpiss Dich”.

Ich verstehe die Welt nicht. Nicht mehr. Früher hätte der osteuropäische Kollege vielleicht keine Antwort erhalten, beleidigt worden wäre er aufgrund der einfachen Frage nicht. Die Zeiten sind leider vorbei.

Die Medien

Die Medien tragen einen hübschen Anteil an dem niedrigen Ansehen von Lkw-Fahrern. Wie oft kommen Verkehrsmeldungen, die einen Unfall mit einem Lkw zu vermelden haben. Wie oft habe ich gehört, der Fahrer sei vermutlich eingeschlafen. Ach ja? Die Unfallaufnahme läuft noch und der Sender weiß schon, was passierte ?

Wie oft wurde ich in Ausfahrten geschnitten, weil man ja noch unbedingt an dem Scheiß-Lkw vorbei muss? Wie oft stand ich in den Eisen, in der Hoffnung, mein Zug bricht mir nicht aus? Wie oft wurde ich auf der Landstraße trotz Gegenverkehr überholt? Letzte Woche erst, wurde ich auf der Autobahn von einem Pkw mit Wohnwagenanhänger überholt. Leider vergaß der Fahrer, dass sein Gespann nun länger ist. Er war mit seinem Auto an mir vorbeigezogen und scherte wieder vermeintlich vor mir ein. Der Anhänger war aber noch nicht vorbei. Was tun? Ins Eisen und hoffen, es geht gut. Geht es nämlich nicht gut, kann ich im Radio hören, ich sei vermutlich eingeschlafen.

Oder – wie gerne verkünden die Sender im Winter die Meldungen querstehender Lkws. Wegen Sommerreifen! So ein absoluter Schmarrn! Lkw-Reifen sind mit einer Gummi-Mischung gerüstet, die dem Alljahresreifen eines Pkw entspricht. Es gibt sie nicht, die viel zitierten Winterreifen beim Lkw. Hat ein Lkw keine Ladung, hat er kein Gewicht auf der Achse, bleibt er eben mal am Berg stehen. Fertig. Wo sind denn die Räumfahrzeuge so gelegentlich? Ich fuhr mal gegen 16.00 Uhr auf der A 81 von Heilbronn kommend Richtung Stuttgart. Es begann heftig zu schneien. Um 22.00 Uhr fuhr ich die gleiche Strecke wieder zurück. Es schneite immer noch, doch geräumt war noch nichts. Geschumpfen wurde im Radio nur über die Lkw-Fahrer mit ihren Sommerrädern. Nicht über den nicht vorhandenen Räumdienst.

Elefantenrennen

Ja, die gibt es. Blöd angemacht wird aber immer nur der, der überholt. Schon mal nachgedacht? Vielleicht fällt dem, der überholt wird, zufällig dann ein, dass er ja auch ein Gaspedal hat, wenn beide Lkw auf gleicher Höhe sind? Und dann gibt er Gas? Und dann? Wird es knifflig. Und mir braucht kein Autofahrer zu kommen, dass das Überholen von Lkws ganz verboten gehört. Zumindest dann nicht, wenn derjenige selbst vor Ungeduld aus der Haut fährt, nur weil er mal drei Minuten nur 90 fahren kann. Da haben wir sie, eine hübsche Doppelmoral.

Meiner Meinung nach gehört jeder Führerscheinneuling, der den Schein für den Pkw macht, für eine Stunde als Beifahrer in einen Lkw. Dann würden vielleicht einige begreifen, welchen Bremsweg ein 40-Tonner hat. Wie viel Sprit der raushauen muss, nur weil er im Kreisel neu anfahren muss. Stichwort Umweltschoner! Wie häufig er von rasanten, sportlichen Fahrern geschnitten und kriminell gefährlich überholt wird.

Ein toller, schlimmer Job

Es wäre ein fantastischer Job. Man sieht viel, man kommt rum. Doch einerseits erlebt man fast alles alleine, andererseits wird diesem Beruf null Respekt und null Toleranz entgegengebracht. Ich persönlich finde es sehr schade, dass sich sowohl einige Kollegen selbst – als auch Berufsfremde so dazu hinreißen lassen, den Beruf des Kraftfahrers mit Füßen zu treten. Schade eigentlich.

Die Handbremse ist eingerastet. Das Führerhaus “meines” Lkw bekommt einen neuen Partner. Und ich gehe einen anderen Weg. Wie ein ganz normaler Mensch. Denn das sind Fahrer in den Augen vieler Leute nicht: Menschen. Es sind Fahrer. Sonst nix.

In Zukunft berichte ich hier von Geschichten, die ich erleben durfte. Und das sind reichlich. Und ja, ich freue mich sehr über Kommentare – ich habe fertig!

Martina

Martina

Hier blogge ich aus meinem einstigen Alltag. Auf meinem truckerblog nehme ich Dich mit auf die Reise, stelle Dir tolle Produkte vor und biete einige Tipps aus meinem langjährigen Erfahrungsschatz.
Martina

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4 Kommentare zu Ich nehme mir das Leben.

  1. Hallo Martina! Das sind sehr viele tolle Überschriften und jeder für sich aus dem Alltag gegriffen. Der Berufsstand als Berufskraftfahrer ist wirklich mehr als bedenklich.Betreff Autofahrer bin ich ebenfalls dafür, dass jeder PKW Fahrer verpflichtet eine Runde mitfahren soll. Auf jeden Fall werde die Themen nicht weniger und das Bewußtsein einer gegenseitigen Wertschätzung für Berufskraftfahrer zu selten entgegengebracht.

    • Hi Martin

      ja, eigentlich aber absolut schade. Doch so wie derzeit die öffentliche Meinung ist, wird das Nachwuchsproblem nicht gelöst.

      LG
      Martina

  2. Also ich habe auch mal in einer Spedition gearbeitet und teilweise bekommen junge einheimische Fahrer nichtmal mehr die Gelegenheit :-/ Da sind Fahrer aus dem Osten einfach lieber gesehen.

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