Lkw-Unfälle – unvermeidlich?

Aktuell geistern schreckliche Bilder durch die Medienlandschaft. Lkws, die in ein Stauende fahren, Lkws, die auf dem Heck des Vordermanns hängen, von der Fahrerkabine ist kaum mehr was zu sehen. Worin liegen die Gründe, dass sich besonders derzeit die Meldungen schwerer Lkw-Unfälle häufen? Experten sind sich über die Gründe uneins. So kommt der Verkehrspsychologe Christian Müller vom TÜV-Nord zu dem Schluss, es läge am Schichtdienst. Einerseits bedingt durch den durcheinander gewirbelten Tag-Nacht-Rhythmus, andererseits gefördert durch den unruhigen Schlaf an lauten und überfüllten Rastplätzen. Andere Experten machen die Laptop- oder Smartphone-Nutzung verantwortlich. Doch ist es wirklich so einfach? Ich glaube nicht. Hier bin ganz einer Meinung mit meiner bloggenden Kollegin.

Ignoranz Lkw-Unfälle
Ignoranz, Egoismus und Selbstüberschätzung, mögliche Gründe

Mögliche Gründe schwerer Lkw-Unfälle

Stress und Hektik zählen meiner Meinung nach zu den Hauptgründen. Kommen noch schlechte Bedingungen von außen hinzu, kann das fatale Folgen haben. Brütende Hitze, Klimaanlage ausgefallen, der Chef drängelt, der Verkehr geht nur stockend, das Telefon klingelt – nicht jeder Lkw-Fahrer behält in solchen Situationen die Nerven. Als Folge: der Sicherheitsabstand wird nicht mehr eingehalten. Dabei sind die vorgeschriebenen 50 Meter bei voller Beladung ohnehin ein Witz. Und ein zu geringer Sicherheitsabstand ist fatal. Ganz besonders, wenn man sich nebenher Filme anschaut oder gar Nachrichten auf dem Smartphone verschickt. Und nein, ich habe den berühmten Fahrer, der sich seine Zehennägel feilte, selbst nie gesehen.

Doch einmal – so ganz nebenher – sah ich an einem heißen Tag ein Cabrio neben mir. Die Dame auf dem Beifahrersitz war über den Schoss des fahrenden Herrn gebeugt – Kopfschütteln. Können die nicht auf den nächsten Parkplatz fahren?

Viele Lkw-Fahrer sind uneinsichtig

Ein Hauptproblem. Schaut man sich den Abstand vieler Lkws an, bekommt man Gänsehaut. Wenn der Vordermann stark bremsen muss, hat ein Lkw keine Chance, bei einem zu geringen Sicherheitsabstand noch gefahrlos zu bremsen. Der Abstand kann wie Butter in der Sonne zusammenschmelzen. Warum halten viele Lkw-Fahrer den Abstand nicht ein? Es gibt viele Gründe, doch Dummheit dürfte der Hauptgrund sein. Gefolgt von Stress, Ablenkung – und vor allem: absolute Selbstüberschätzung. Purer Egoismus. Der greift auch, wenn sich Einsamkeit breit macht. Die Einsamkeit ist ein echter Feind. Ja, manche Kollegen schauen gewisse Hefte an. Während der Fahrt. Oder Filme. Oder sonstwas. Egal was, es ist verantwortungslos, fahrlässig und überhaupt nicht zu tolerieren. Da hilft es nur, sich an die Vernunft zu richten. Und genau das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

  • Beispiel überholen

Ich persönlich habe kein Problem damit, überholt zu werden. Was mich auf die sprichwörtliche Palme bringt: Der “Kollege” schert knapp vor mir ein. Jetzt fehlt nur noch eine einzige Situation, die ihn zu starkem Bremsen zwingt und ich werde keine Chance haben. Also, was tue ich, um der Gefahrensituation zu entrinnen? Ich bremse ab, um möglichst schnell meinen Sicherheitsabstand zu generieren. Und jetzt? Schert der hinter mir aus, da ich ihm zu langsam bin. Und so weiter und so fort.

  • Beispiel “selbst erlebt”

Auf der A 5 Höhe Ladenburg erlebte ich mein persönliches Horrorszenario. Ein norwegischer Lastzug fuhr in 2er-Besatzung hinter mir. Ein Stau tauchte vor mir auf. Ich bremste. Die beiden Norweger nicht. Sie fuhren quasi mit ihrem 40-Tonner auf meinen (zum Glück leeren) Autotransporter auf und schoben mich über 200 Meter nach vorne. Dabei drehte sich meine Zugmaschine, so dass ich am Ende entgegen der Fahrtrichtung stand. Meine eigene Anhängerkupplung befand sich knapp neben meinem Kopf. Am Ende waren 4 Lkws und zwei Pkws Totalschaden. Das war die Kurzversion des Unfalls. Nur mein immenser Sicherheitsabstand verhinderte, dass ich in den Stau geschoben wurde. Warum haben die beiden Norweger mein Bremsvorgang nicht gesehen? Hilfloses Schulterzucken.

  • Beispiel Technik

Mittlerweile erhöhen sich technische Features in Lkws massiv. Das ist sicherlich ein Grund dafür, dass trotz allem die Unfallzahlen mit schweren Lkws im Vergleich zum aufkommenden Güterverkehr sinken. Doch was bringen solche Innovationen wie das automatische Notbremssystem, wenn es vom Fahrer mit einem Knopfdruck abgeschaltet werden kann? Für alle, die nicht wissen, was solch ein System ist: Fährt der Lkw-Fahrer zu dicht auf ein fahrendes Fahrzeug auf, ertönt ein Signalton. Reagiert der Fahrer nicht, bremst der Lkw automatisch ab, allerdings (noch) nicht bis zum Stillstand. Dennoch, warum kann solch ein lebensrettendes Feature einfach ausgeschaltet werden?

Lkw
Überladen? Auch eine Ursache.

Die persönliche Verfassung des Lkw-Fahrers

Die mentale und körperliche Verfassung wirkt erheblich auf die Konzentrationsfähigkeit. Ein sorgengeplagter Lkw-Fahrer ist nicht zu 100 Prozent “da”. Ein Trucker mit Kopfschmerzen kann selten einfach den Motor ausschalten und sich hinlegen. Zumindest im Normalfall nicht. Ich selbst habe Migräne, wenn auch mittlerweile nur noch sehr selten und gerne am Wochenende. Und wenn sich ein Anfall ankündigt, helfen nur noch starke Medikamente, sogenannte “Triptane”. Die knocken mich aber aus. Glücklicherweise habe ich die Möglichkeit, einen Parkplatz anzufahren und eine Pause einzulegen. Diese Möglichkeit haben die meisten Kollegen nicht. Sie fahren weiter. Weil sie müssen. Unaufmerksam und unkonzentriert.

Der menschliche Körper ist ein Meisterwerk. Aber er benötigt gelegentlich Hilfe. Unkonzentriertheit und abfallende Leistung kann ursächlich in einem Mangel von Vitaminen oder Mineralstoffen begründet sein. Ein Besuch beim Hausarzt gibt Aufschluss. Überhaupt sollte dieser die erste Anlaufstelle für Lkw-Fahrer sein, wenn sie Veränderungen bei sich feststellen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Unser Körper ist keine Maschine, die mit Cola und Pommes auf Hochtouren laufen kann. Wie viele Kollegen pflegen und polieren ihren Lkw, spendieren ihm nur das beste Öl und selbst? Mal ein Apfel? Fehlanzeige.

Lkw-Unfälle – Pkw-Fahrer als Verursacher

Meiner Meinung nach sollte jeder, der den Pkw-Führerschein erwirbt, verpflichtend ein oder zwei Stunden in einem Lkw mitfahren. Warum? Ganz einfach: Viele Pkw-Fahrer sind sich der Kraft und des Schwungs eines Lastzuges nicht bewusst. So spielen sich täglich die gleichen Szenen ab, die Ausfahrten von Autobahnen betreffend. Ich versuche es, plastisch zu schildern:

  • Eine Ausfahrt der Autobahn kommt.
  • Einige Fahrzeuge befinden sich bereits auf der Spur der Autobahnausfahrt und bremsen vorschriftsmäßig.
  • Ich fahre mit meinem Lkw auf der rechten Fahrspur.
  • Auf der mittleren Spur werde ich von einem Pkw (auf Höhe der Ausfahrt) überholt.
  • Dieser Pkw möchte auch noch die Ausfahrt nutzen.
  • Die Ausfahrt wird schon rege genutzt – von bremsenden Pkws.
  • Der Pkw, der mich noch wichtig überholen musste, bremst vor mir stark ab, um eine Lücke auf der Ausfahrtsspur zu ergattern.
  • Ich muss ebenfalls stark abbremsen.
  • Super.

Was tun gegen die schweren Lkw-Unfälle? Fazit

Man kann nur an die Vernunft der Fahrer appellieren. Dabei sind drei Aspekte absolut ausschlaggebend: Abstand, Abstand, Abstand. Niemand kommt schneller an sein Ziel, weil er auf 10 Meter dem Kollegen am Heck hängt. Lkw-Fahrer sind Menschen, richtig. Sie machen Fehler, auch richtig. Doch es schadet nicht, sich wenigstens einmal mit einer gesunden Ernährung zu befassen und mal die Blutwerte untersuchen lassen – auch wenn eine Analyse bestimmter Werte ein paar Euro kostet.

In diesem Sinne – kommt gut an und allzeit gute Fahrt!

Martina

Martina

Hier blogge ich aus meinem einstigen Alltag. Auf meinem truckerblog nehme ich Dich mit auf die Reise, stelle Dir tolle Produkte vor und biete einige Tipps aus meinem langjährigen Erfahrungsschatz.
Martina

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2 Kommentare zu Lkw-Unfälle – unvermeidlich?

  1. Hallo und griaß euch .
    Ich bin jetzt auf Deine Seite gekommen und gefällt mir gut.
    Finde ich toll was Du da machst Martina.
    Ich werde auch einige Kommentare abgeben .
    Also dann schönen Sonntag und alles Gute aus SALZBURG
    Andi

    • Hi Andi,

      vielen Dank für die Blumen! Das freut mich, wenn es dir hier gefällt. Und Kommentare sind natürlich immer sehr gerne gesehen. 😀

      Wünsche dir auch nen schönen Sonntag und liebe Grüße

      Martina

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Stauende - und wie manche Autofahrer mit ihrem Leben spielen...

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