Melonen. Eisenstangen. Angst.

hafen

Es war zu Beginn der 1990er Jahre, als mich eine meiner Touren nach Griechenland führte. Es war genau die Zeit, als Griechenland von albanischen Flüchtlingen nahezu “überschwemmt” wurde. Im Balkan herrschte Krieg und in Albanien bröckelte das gesamte kommunistische Regierungssystem. Die meisten der Flüchtlinge wollten nach Italien, der Rest steuerte Deutschland als bevorzugtes Ziel an. Genau wie heute die Flüchtlinge im nordfranzösischen Calais (mit England als Ziel) setzten damals die albanischen Flüchtlinge alles daran, irgendwie die Überfahrt nach Italien zu schaffen. Gerne auf einem der Lkw. Sehr gerne in meinem Lkw.

Flüchtlinge

 

Von Italien nach Griechenland

Der neue Hafen von Patras ist seit 2011 offiziell in Betrieb und liegt rund drei Kilometer südlich des “alten” Hafens, an dem ich damals einlief. Meine Überfahrt begann in Ancona an der italienischen Ostküste. Wenn ich es noch richtig weiß, dauerte die Überfahrt um die 27 Stunden und glich mehr einer Kreuzfahrt denn einer Arbeitsfahrt. Zusammen mit anderen Fernfahrern spielten wir im Casino, tranken an der Bar, durchstreiften das riesige Schiff. Und immer war ein Thema präsent: Die albanischen Flüchtlinge in Griechenland. Die alles tun würden, um nach Italien zu kommen. Alles. Auch ihr eigenes Leben gefährden.

Italien und Deutschland – Ziel der Flüchtlinge

Teilweise versuchten sie, unter den Lkw zu kriechen, um sich am Unterboden festzukrallen. Sie  schlitzen Planenzüge auf, um sich hinter der Ladung zu verstecken. In einigen Fällen kaperten sie kurzerhand einen Lkw-Fahrer, um sich mit Gewalt einen Platz für die Fähre nach Italien zu sichern. Wir gaben uns gegenseitig gute Ratschläge und verließen die Fähre. Ab jetzt waren wir jeder auf sich alleine gestellt.

Die Flüchtlinge tummelten sich in Massen am Hafen von Patras.  Sie interessierten sich nicht für die Lkws, die gerade von der Fähre herunterrollten. Sie wollten auf die Lkws, die zur Überfahrt nach Italien am Hafen von Patras standen.

Somit konnte ich unbehelligt meine Formalitäten am Hafen von Patras erledigen und machte mich auf den Weg ins rund 210 Kilometer entfernte Athen. Abladen – und zurück geht es nach Patras. Mulmigkeit machte sich so langsam breit. Ich wusste, dass ich mit der Zufahrt auf das Hafengelände von unzähligen Augenpaaren fixiert werden würde.

Italien schützte seine Grenzen

In Italien – so wusste man – wurde streng kontrolliert. Jeder Lkw, der die Fähre von Griechenland kommend verließ, wurde penibel durchleuchtet. Es war unmöglich, einen Flüchtling unentdeckt ins Land zu bringen, so meine Einschätzung. Fand sich ein albanischer Flüchtling auf, im oder unter dem Lkw, war der Fahrer dran. Die italienischen Behörden kannten in dieser Frage kein Pardon. Es war völlig egal, ob man das wusste, einen “blinden Passagier” an Bord zu haben oder nicht.

Griechenland – ich komme

Ich kam am Hafen an und parkte auf dem Hafenparkplatz. Meine Gardinen im Lkw waren schneller zugezogen als die Handbremse angezogen. Durch einen kleinen Spalt lugte ich nach draußen. Ich musste Formalitäten erledigen – also aussteigen. Auf dem Hafengelände ging es zu wie auf einem Marktplatz. Überall wurde geschrien, gekreischt und gezetert. Ich passte einen Moment ab, der mir gefahrlos erschien, riss die Tür auf, verschloss den Lkw und raste wie eine Irre zu den Offices. Keiner interessierte sich für mich und meinen Lkw. Neben mir stand auf dem Parkplatz ein Lkw, dessen Ladung aus unzähligen, hoch aufgetürmten Wassermelonen bestand. Riesige Dinger. Gesichert waren die Melonen lediglich durch quer verlaufende Streben, eine Plane gab es nicht.

Nach Erledigung meiner Zoll- und Reiseformalitäten raste ich zurück zum Lkw, sprang hektisch einmal um mein Gefährt herum und wagte todesmutig den Blick unter den Lkw. Ein Augenpaar glotzte zurück. Ich erschrak wie selten in meinem Leben und gab diesem Schreck so laut Ausdruck, dass der zum Augenpaar dazugehörige Mensch fluchtartig das Weite suchte. Aha, mit einer hysterischen Zicke wollte er offensichtlich nicht mitreisen. Gut so. Kluger Flüchtling.

griechenland

Aufregende Wartezeit

Ich setzte panisch meinen Kontrollgang fort und kraxelte in meinen Lastwagen in der Hoffnung, dass ich unbehelligt bleiben würde. Meine Gardinen ließ ich bis auf einen winzigen Spalt auf der Fahrerseite zu. Muss ja nicht jeder gleich sehen, dass da eine Fahrerin hockt, der die nackte Panik im Gesicht steht – leichtere Beute dürfte es vermutlich nicht geben für verzweifelte Menschen, die zu allem entschlossen sind.

Mit gechilltem Warten hatte es nichts zu tun. Ich saß mit einer ordentlichen Portion Angst in meinem Lkw, zu meiner Linken stand immer noch der Melonenlaster, dessen Fahrer mich freundlich durch seine vielen Zahnlücken angrinste. Ich hatte keine Zeit für nette Lächel-Austausch-Aktivitäten. Die Gardine ein wenig zurückgeschoben, scannte ich meine Umgebung ab. Immer wieder rutschte ich auf die Beifahrerseite und verschaffte mir dort auch einen Überblick.

Melonen hier, Melonen dort

Plötzlich brach ein Höllenspekatkel los. Direkt neben mir drang unfassbarer Lärm in meine Kabine. Markerschütternde Schreie. Lärm, wie ich ihn noch nie hörte. Dazu ein undefinierbares klatschendes Geräusch. Im Takt und rasenden Wechsel. Platsch – Schreie- Platsch – Schreie. Mein Atem stockte – und seit damals weiß ich, dass einem tatsächlich der Atem stocken kann. Ich robbte auf meinen Fahrersitz und lugte durch einen winzigen Spalt meiner Gardine, um zu sehen, was los war.

Der zahnlose Melonenfahrer stand breitbeinig und wackelig auf seinem Melonenturm und schlug mit einer gewaltigen Eisenstange auf seine Wassermelonen ein. Das Fruchtfleisch spritzte nur so in alle Himmelsrichtungen. Mit jedem Schlag auf die Melonen brüllte er dazu die Früchte in abartiger Lautstärke an. Aus den Tiefen der Melonen-Ladung drangen Schreie nach oben. Ich realisierte die Situation überhaupt nicht, ich war im Schock. Diese geballte Wut, diese absolute Zerstörungskraft jagte mir Angst in Reinkultur ein.

Er setzte gerade zum nächsten Schlag an, als eine Frau aus den Melonen auftauchte wie Phönix aus der Asche. Wie sie das machte, weiß ich nicht, aber sie schoss quasi kerzengerade nach oben und hüpfte über die Melonen in Sicherheit vor dem Melonen-Verprügler, der offensichtlich die Kontrolle über sich verloren hatte. Die Frau war weg, das Melonengemetzel ging weiter. Atemlos verfolgte ich das surreale Schauspiel. Der Nächste tauchte aus dem Melonen-Matsch auf – er rannte um sein Leben. Und noch einer. Und noch einer. Am Ende waren es sieben Flüchtlinge, die sich unter  den tonnenschweren Melonen versteckt hatten.

Wassermelonen

Eine Melone zur Beruhigung

Nach dem Melonen-Massaker ließ der Zahnlose langsam seine Eisenstange sinken und betrachtete gedankenverloren sein Werk. Er schaute hier, er prüfte dort. Die Flüchtlinge waren runter von seinem Lkw, aber seine Ladung war ruiniert. Er hüpfte von der Ladefläche und ging in Richtung seiner Beifahrerseite, als sein Blick meine Augen traf. Ich hockte immer noch wie hingenagelt hinter meiner Beobachtungsstation der Gardinen. Und mit Sicherheit stand mir immer noch die nackte Angst ins Gesicht geschrieben.

Er lächelte mich an. Keine Reaktion meinerseits, es ging einfach nicht. Das schien ihn zu irritieren. Er überlegte. Dann drehte er sich um und krabbelte behende wieder zurück zu seinem Melonen-Mus auf der Ladefläche. Aha, da sitzen also doch mehr Flüchtlinge, dachte ich. Mich wunderte, warum er seinen Eisenprügel nicht schwang, sondern stattdessen mit bloßen Händen in den Melonen rumwühlte. Mit einem gigantischen Exemplar einer heilen Wassermelone hüpfte er erneut von der Ladefläche und kam auf meine Türe zu. Er bedeutete mir, dass er mir gerne diese Melone schenken wolle.  Ich vermute, dass Mister Zahnlos  meine Angst gesehen hatte und mich beruhigen wollte. Quasi eine Art Entschuldigung für den Schrecken.

Die rettende Fähre

Noch nie war ich so froh, aus einem Land herauszukommen. Die Fähre öffnete ihre Pforten und umringt von mittlerweile anderen deutschen Lkws traute ich mich, noch einen Kontrollgang zu absolvieren. Schließlich war ich die vergangenen Stunden mehr als abgelenkt. Aber glücklicherweise verschonten mich die Flüchtlinge – obwohl es genug Wassermelone für fast alle gab. Die gesamte Fährüberfahrt zurück nach Ancona futterte ich an meiner gewaltig großen Wassermelone herum.

Und heute? Denke ich jedesmal beim Anblick einer Wassermelone an den zahnlosen Fahrer, der letztendlich nur sich und seine Ladung schützen wollte.

Melonen

Martina

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Hier blogge ich aus meinem einstigen Alltag. Auf meinem truckerblog nehme ich Dich mit auf die Reise, stelle Dir tolle Produkte vor und biete einige Tipps aus meinem langjährigen Erfahrungsschatz.
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4 Kommentare zu Melonen. Eisenstangen. Angst.

  1. Ein sehr persönlicher Artikel der mehr als nur berührt. Die Situation ist beim lesen so Real als würde man als Beifahrer mit dabei sein. An deinem Artikel ist zu erkennen, dass Flucht kein Thema der heutigen Zeit ist. Zwischen Frankreich und England läuft es seit Jahren für die Flüchtlinge und Berufskraftfahrer ähnlich ab. Am schlimmsten finde ich die Annahme, dass Berufskraftfahrer für einen aufgegriffenen Menschen in Haft gehen. Danke für deinen politisch sehr wertvolen Beitrag. LG Martin

    • Hallo Martin,

      vielen Dank. Ja, ich finde es auch schlimm, dass der Fahrer sofort inhaftiert wird. Natürlich – Menschenschmuggel ist nicht tolerierbar, aber was sich verzweifelte Menschen alles einfallen lassen, um Grenzen zu überwinden, ist schon krass. Zustände wie in Calais sind meiner Meinung nach in einem Europa der heutigen Zeit überhaupt nicht zu akzeptieren. Teilweise springen die Leute vor einen fahrenden Lkw – nur um “mitfahren” zu können. Unfassbar.

      LG

      Martina

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  1. Die Räder des truckerblogs nehmen wieder Fahrt auf.

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