So fährst Du mit dem Lkw samt Anhänger rückwärts

Lkw rückwärts fahren

Für Neulinge gleicht das Lkw rangieren einem Buch mit sieben Siegeln. Das war bei mir einst nicht anders. Mein erster Lkw war ein sogenannter „Drehschemelanhänger“, auch als „Gelenkdeichselanhänger“ bekannt. Dieser Anhänger hat zwei oder mehr Achsen. Die vordere Achse wird über einen Drehschemel gelenkt, daher die Bezeichnung. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Schweißperlen auf der Stirn, als ich vollkommen ohne Erfahrung mit meinem Hängerzug an Laderampe Nummer soundso sollte. Das Ladepersonal schaute zu. Kollegen schauten zu. Ich schaute panisch hin und her, fuhr vorwärts, fuhr rückwärts. Doch das verdammte Ding fuhr überall hin, nur nicht an die gewünschte Laderampe. Die Zeit brachte dann den Erfolg. Ich lernte, mit dem Anhänger rückwärts fahren. Und von heute auf morgen, nach x-Übungsstunden konnte ich es.

Die verschiedenen Anhängertypen

Um die Anhängertypen zu vervollständigen, gibt es weiter den Sattelanhänger. Der Sattelauflieger liegt mit seinem Vorderteil auf der Sattelzugmaschine auf. Zu guter Letzt tummeln sich noch die sogenannten Tandemanhänger auf der Bahn – mein jetziges Modell. Ein Tandemanhänger (auch als Starrdeichselanhänger bezeichnet) ist mit einer starren Deichsel mit dem Zugfahrzeug verbunden. Im Prinzip sind Pferdeanhänger und Wohnwägen Tandemanhänger.

Drehschemel-Zug
Drehschemel-Zug
Sattelzug
Sattelzug

Mit dem Lkw-Anhänger rückwärts fahren – üben, üben, üben

Zurück zum Anhänger. Rückwärts fahren. Mein erster und wichtigster Tipp lautet: Lasse dich nicht verrückt machen. Von niemand. Die, die grinsend an der Laderampe stehen, sollen sich mal selbst auf den Bock setzen. Ich behaupte mal, die meisten wüssten nicht mal, wie man den Federspeicher löst. Und die Kollegen, die Dir Druck machen möchten, weil Du seit Ewigkeiten die Laderampe blockierst, kamen auch nicht zur Welt und konnten einen Anhänger rückwärts fahren.

Entweder ein freundlicher Kollege hilft Dir oder Du lässt Deine Scheiben oben, dann hörst Du auch keine dämlichen Kommentare. Falls Dir ein Kollege hilft, dann höre auf seine Worte. Mache mit ihm aus, was er meint, wenn er „links“ oder „rechts“ sagt. Sollst Du das Lenkrad in die angesagte Richtung einschlagen oder soll der Anhänger in diese Richtung gehen?

Wenn ich einem unerfahrenen Kollegen helfe, meine ich immer das Lenkrad. Schlage nach links ein, nicht so viel, wieder zurück, rechts nach rechts, wieder zurück und so weiter und so fort.

Beim Drehschemelanhänger verriet mir damals ein erfahrener Kollege einen Trick: Er zeigte mir, wo ich auf der Frontseite des Anhängers Markierungen aufkleben sollte. Beim Rückwärtsfahren tauchten diese Markierungen irgendwann in meinem Spiegel auf – sauber, jetzt also andersherum lenken! Das hat mir damals sehr geholfen.

Und um meine persönlichen Tipps auf Fahrschüler auszuweiten: kaufe Dir einen Spielzeug-Truck. Mit diesem kannst Du plastisch üben und Dir die Lenkbewegung einprägen.

Lenkbewegung – je nach Anhängertyp

Apropos Lenkbewegung: Bei einem Gliederzug (Drehschemelanhänger) läuft der Hänger in die Richtung, in die Du das Lenkrad einschlägst. Lenkst Du nach rechts, geht das Heck nach rechts.

Bei einem Sattelzug verhält es sich genau andersherum. Lenkst Du nach links, geht der Auflieger nach rechts.
Und noch ein wichtiger Tipp: Wie fast alle Fahranfänger lag die Krux bei mir damals in deutlich zu starken Lenkbewegungen beim Korrigieren. Weniger ist beim Anhänger rückwärts fahren oft mehr. Lenke leicht und schaue, was der Anhänger macht. Wenig Gas, alles langsam und mit der nötigen Ruhe. Heute fahre ich einen Autotransporter und gelegentlich liefern wir Fahrzeuge an Privatkunden aus. Da kommt es schon mal vor, dass die (unwissenden) Kunden sagen: „Bei uns in der Straße fahren die gaaaaanz Großen durch, da können Sie definitiv abladen!“. Und so kann es schon mal passieren, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als meinen Anhänger rückwärts in eine Seitenstraße zu schieben, um zu wenden. Das mache ich ausschließlich und tatsächlich ausschließlich über den linken Spiegel. Sprich, ich schaue mir nur die linken Seitenstraßen an. Und wenn hier nichts geht, dann fahre ich zur Not vorwärts in eine Seitenstraße nach rechts rein und schiebe den Anhänger somit nach links wieder auf den rechten Weg.

Ich persönlich finde den Gliederzug deutlich schwerer rückwärts zu fahren – im Vergleich mit meinem aktuellen Tandemanhänger. Deswegen habe ich euch mal folgenden Film eingebettet, gerade für Anfänger ein sehr hilfreiches Video:

 

Das Heck des Anhängers weist Dir den richtigen Weg

Wichtig ist, dass der „Popo“ des Anhängers immer in die Richtung zeigt, in die er anschließend soll. Möchte ich also rückwärts an eine Laderampe mit dem Lkw rangieren, dann ziehe ich den gesamten Zug so vor, dass das Heck meines Anhängers bereits quasi „richtig“ steht – ergo auf gleicher Höhe wie besagte Laderampe.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Straßenverkehrsordnung. In der Fahrschule lernen wir alle brav, dass ein Einweiser darauf achtet, dass nichts und niemand zu Schaden kommt. Doch unterwegs dürften die wenigsten von uns einen Beifahrer dabei haben, der artig fuchtelt, wenn es an das Rückwärtsfahren mit dem Lkw geht.

Für das Rückwärtsfahren ist § 9 der Straßenverkehrsordnung (StVO) zuständig. Sie sagt:

„Wer ein Fahrzeug führt, muss sich beim Abbiegen in ein Grundstück, beim Wenden und beim Rückwärtsfahren darüber hinaus so verhalten, dass eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist; erforderlichenfalls muss man sich einweisen lassen.“

Das bedeutet im Klartext: Ob ein Einweiser Im falle eines Schadens erforderlich gewesen wäre (!) entscheiden oft die Versicherungsgesellschaften oder ein Richter. Der § 9 der StVO schreibt einen Einweiser nur dann vor, wenn es „erforderlich“ ist.

Ein Paragraph, der leider nicht zum Tragen kommt

Meine persönliche Meinung: Angenommen, ich möchte mit meinem Anhänger rückwärts fahren. Ich blinke mit allem, was der Lkw hergibt, einschließlich meiner Rundumleuchte auf dem Dach. Zur Not steige ich auch mal aus und vergewissere mich, dass es gefahrlos möglich ist, den Anhänger rückwärts zu bewegen. Ich fahre langsam los. Ein Pkw will sich hinter mir in einem Bogen vorbeischmuggeln, weil seine Zeit drängt. Ich touchiere ihn. Ich bin allein schuld. Warum greift hier nicht § 1 der StVO?

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
Zum Glück ist mir voran geschilderte Situation noch nie passiert – allerdings habe ich das Glück, einen flachen Autotransporter zu fahren, da sieht man deutlich mehr als mit einem „normalen“ Aufbau eines Lkw. Doch verstehen? Nein, verstehen kann ich das nicht, warum eigentlich immer nur der die Schuld trägt, der rückwärts fährt.

In diesem Sinne – kommt gut an und allzeit gute Fahrt!

Martina

Martina

Hier blogge ich aus meinem einstigen Alltag. Auf meinem truckerblog nehme ich Dich mit auf die Reise, stelle Dir tolle Produkte vor und biete einige Tipps aus meinem langjährigen Erfahrungsschatz.
Martina

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2 Kommentare zu So fährst Du mit dem Lkw samt Anhänger rückwärts

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